- 10. November 2025
- Posted by: Dr. Robert König
- Category: Sonstiges
Welche Tools gehören in den juristischen Werkzeugkasten?
Von allen Seiten hört man, dass es, um eine Klausur zu bestehen, in jedem Fall nur den juristischen Werkzeugkasten bzw. Handwerkskoffer braucht. Was ist in ihm und woher bekomme ich diesen? Und warum ist der juristische Werkzeugkoffer im Jurastudium so wichtig?
Gemeint sind die Grundlagen!
Um eine gelungene Juraklausur zu schreiben, braucht es keine „magischen Kräfte“ und keine außergewöhnlich hohe Intelligenz. Du solltest Dich von entgegenstehenden Mythen und Behauptungen keinesfalls einschüchtern lassen. Du kannst schon mit den Basics, den juristischen Grundlagen, gewinnen und eine zweistellige Klausur schreiben!
Was das genau meint und wieso das zu einer guten Jura Klausur ausreichen soll, wollen wir an dieser Stelle näher erörtern:

I. Der Gutachtenstil in der Jura Klausur
Juristische Klausuren schreibst Du in der für Dich zunächst unbekannten Form des Gutachtenstils. Diese Form gilt es vor allem im Grundstudium einzuhalten. Verstöße hiergegen werden in den Zwischenprüfungsklausuren für gewöhnlich hart abgestraft. Mit der Zeit und mit viel Klausurentraining wirst Du Dir diesen Stil aber aneignen.
Der Gutachtenstil besteht aus einem 4-Schritt:

1. Der Obersatz
Der Obersatz stellt die Frage, die man im Folgenden beantworten möchte.
Beispiel zum Diebstahl gem. § 242 I StGB: „Fraglich ist, ob eine fremde Sache vorliegt.“
2. Die Definition
Mit der anschließenden Definition machst Du deutlich, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um die im Obersatz formulierte Frage beantworten zu können.
Beispiel: „Fremd ist eine Sache, wenn sie weder im Alleineigentum des Täters steht noch herrenlos oder eigentumsunfähig ist.“
3. Die Subsumtion
Jetzt folgt der Teil, für den man in der Prüfung Punkte bekommt: die Subsumtion. Du vergleichst dabei die von Dir aufgestellte Definition mit dem Sachverhalt und kontrollierst, ob die definierten Voraussetzungen im konkreten Fall erfüllt sind. Ist das Tatbestandsmerkmal somit erfüllt? „Passt“ der Sachverhalt zur Definition?
Beispiel: „Das Handy steht im Eigentum des B.“
4. Das Ergebnis
Nach der Subsumtion stellst Du das Ergebnis Deiner Prüfung fest. Du beginnst damit mit Wörtern wie „mithin“, „folglich“ oder „somit“.
Beispiel: „Mithin liegt eine fremde Sache vor.“
II. Die richtige Mischung aus Gutachten- und Urteilsstil
1. Welche Bedeutung hat der Gutachtenstil im Grundstudium?
Es ist empfehlenswert, im Grundstudium den Gutachtenstil durchgehend anzuwenden, da die Korrektoren darauf achten. An Stellen, die völlig unproblematisch sind, kann man jedoch (sowohl in den Klausuren als auch in den Hausarbeiten) auch im Urteilsstil schreiben, wenn es um die korrekte Setzung des Schwerpunkts geht.
Wenn der Sachverhalt beispielsweise keine Hinweise auf Rechtswidrigkeit und Schuld enthält, schreibt man auch in der Anfängerklausur: „Der A handelte rechtswidrig und schuldhaft.“
2. Wie nutze ich Gutachten- und Urteilsstil richtig im ersten Staatsexamen?
Selbstverständlich muss man im ersten Staatsexamen ein Gutachten schreiben. Dennoch ist es nicht ratsam, die komplette Klausur im Gutachtenstil zu schreiben. Dies allein schon, weil man andernfalls Gefahr läuft, die Klausur nicht innerhalb der Bearbeitungszeit fertigzustellen. Eine unfertige Klausur abzugeben, ist einer der gravierendsten Fehler im Staatsexamen.
Daher solltest Du bei der Wahl des richtigen Schreibstils Folgendes beachten:
- Problemschwerpunkte der Klausur: Die Problemschwerpunkte sind immer im Gutachtenstil zu schreiben. Das gilt insbesondere für die Meinungsstreitigkeiten.
- Problembewusstsein durch Urteilsstil zeigen: Durch einen maßvollen Gebrauch des Urteilsstils wird dem Prüfer außerdem demonstriert, dass man in der Lage ist, Prioritäten zu setzen und zwischen problematischen und unproblematischen Aspekten zu unterscheiden. Außerdem wird die Arbeit dadurch klarer gegliedert und lesefreundlicher.
- Schwerpunktsetzung: Die Mehrheit der Prüfer am JPA hat eine besondere Abneigung gegen Arbeiten, die keine klare Schwerpunktsetzung und keinen erkennbaren roten Faden aufweisen. Das hat Auswirkungen auf die Notenvergabe! Urteilsstil an den passenden Stellen wirkt sich positiv auf das Wohlwollen Deines Korrektors aus.
III. Juristische Auslegungsmethoden
Viel mehr als irgendwelche auswendig gelernten Probleme oder Fallkonstellationen helfen Dir die Auslegungsmethoden.
Wer die juristischen Auslegungsmethoden anwenden kann, ist in der Lage, sich jede, auch unbekannte und „kryptisch“ formulierte Norm ohne weiteres zu erschließen. Und das ist gerade im Staatsexamen essenziell.
Denn eins ist sicher: Du wirst immer auch Sachverhalte im Jura Examen vorgelegt bekommen, die Dir zumindest teilweise unbekannt sind. Mit den juristischen Auslegungsmethoden und den anderen hier vorgestellten Werkzeugen des juristischen Handwerkskoffers wirst Du diese aber lösen können.
1. Wortlaut
Als Erstes schaut man sich immer den Wortlaut der jeweiligen Norm an. Was sagt dieser aus?
2. Systematische Auslegung
Oft reicht der bloße Wortlaut nicht aus, um ein eindeutiges Ergebnis zu gewinnen. Im Rahmen der systematischen Auslegung betrachtet man die jeweilige Norm im Kontext des gesamten Gesetzes.
3. Sinn und Zweck
Oftmals entscheidend, beispielsweise im Rahmen der Stellungnahme zu einem Meinungsstreit, ist die Auslegung nach Sinn und Zweck, sog. teleologische Auslegung. Frage Dich, welchen Zweck die jeweilige Norm verfolgt.
4. Historische Auslegung
Die historische Auslegung hat in der Klausur keine Bedeutung, da Dir die Gesetzgebungsmaterialien nicht vorliegen. In der Hausarbeit kann die historische Auslegung jedoch wichtig sein.
IV. Systematisches Verständnis in Jura
1. Was bedeutet systematisches Verständnis in Jura?
Systematisches Verständnis meint die Fähigkeit, an jeden unbekannten Fall auf eine bestimmte Art und Weise herangehen zu können. Diese sollte nicht darauf basieren, dass das vermeintlich vom Fall abgefragte juristische Detailwissen und auswendig gelernte höchstrichterliche Rechtsprechungsargumente perfekt beherrscht werden.
Diese Herangehensweise legt ein taktisches Geschick sowie dogmatisches und fachliches Basiswissen zugrunde und leitet daraus passende Argumente für den konkreten Fall ab. Diese führen dann letztlich zu einer vertretbaren (= richtigen) Lösung.
Meist ist das systematische und unvoreingenommene Herangehen an einen Fall schon der Schlüssel zum Erfolg: Denn jeder Fall ist an kleinen Stellen anders konstruiert und muss daher individuell und losgelöst von detaillierten Ausführungen, die man aus anderen Falllösungsskizzen in Erinnerung hat, gelöst werden.
Es kann sogar schaden und verheerende Auswirkungen haben, wenn man sich einbildet, man müsse nur sorgfältig genug Theoriewissen anhäufen und könne dieses dann pauschal auf vermeintlich gleichlaufende Fälle anwenden.
2. Wie lernt man systematisches Verständnis?
Systematisches Verständnis lernt man weder durch Vorlesungen noch durch Lehrbücher, da hier das juristische Wissen in der Regel nur abstrakt und ohne Fallbezug vorgestellt wird.
Systematisches Verständnis lernt man nur durch die Arbeit am praktischen Fall, d.h. der Übungsklausur. Deshalb bietet es sich schon beim Lernen des jeweiligen Stoffes an, ein klausurenorientiertes Skript den abstrakten Lehrbüchern vorzuziehen. Daher steht auch bei uns im Repetitorium das Klausurentraining im Vordergrund.
Natürlich musst Du, bevor Du praktische Übungsfälle lösen kannst, auch etwas an theoretischem Wissen erlernt haben. Du musst etwa die Definitionen des Diebstahls gemäß § 242 StGB und des Betrugs gemäß § 263 StGB kennen, wenn Du Dich auf eine Klausur im Strafrecht BT vorbereitest. Dennoch solltest Du auch hier schon auf klausurorientierte, systematische Lernmaterialien setzen: Prägnante Skripte bereiten Dich zielgerichteter und effektiver auf Deine Klausuren vor als die oftmals zu abstrakten und ausführlichen Lehrbücher.
V. Wie geht Arbeiten mit dem Gesetz?
Etliche Anmerkungen an original Jura Examensklausuren lauten: „Bearbeiter arbeitet nicht ausreichend mit dem Gesetz.“
Vergiss bei aller Komplexität der Fälle nicht, dass die Kernkompetenz des Juristen darin besteht, geschriebenes Recht adäquat anzuwenden. Die Lösung Deines Falles lässt sich nur anhand der einschlägigen Gesetze finden.
Sieh davon ab, reine Besinnungsaufsätze zu verfassen, denen nicht zu entnehmen ist, wo sie überhaupt ans Gesetz rückgekoppelt werden können. Im Staatsexamen ist jederzeit ein konkreter Normbezug erkennbar zu machen! Eine Klausur sollte aussehen wie ein „Vorschriftenfriedhof“.
VI. Judiz – die Fähigkeit eines exzellenten Juristen
Einen Begriff, den man häufig von Professoren hört, ist das sog. Judiz. Doch worum handelt es sich dabei überhaupt?
1. Was ist Judiz?
Der Begriff „Judiz“ bezeichnet das juristische Urteilsvermögen. Dieses ermöglicht es Dir als Jurist, eine komplexe rechtliche Frage sachgerecht und richtig zu beantworten. Man kann Judiz auch mit ausgeprägtem Rechtsempfinden bzw. Rechtsgefühl umschreiben.
Ein gut entwickeltes Judiz zeigt sich darin, dass eine erarbeitete Falllösung auch praxistauglich ist. Judiz ist insbesondere wichtig für Richterinnen und Richter, die während der Verhandlung und später im Urteil die vorgebrachten Tatsachen rechtlich einordnen und bewerten müssen.
2. Kann man Judiz erlernen?
Ja! Judiz kannst Du erlernen. Alle gegenteiligen Behauptungen, die man leider mitunter zu hören bekommt, sind Vorurteile oder arrogantes Gerede. Es handelt sich um ein Urteilsvermögen in rechtlichen Fragen. Urteilsvermögen ist nicht gottgegeben oder genetisch bedingt. Urteilsvermögen kann man mit Erfahrung, Wissen und Übung entwickeln.
Vor allem die praktische Erfahrung ist dabei entscheidend. Durch das Arbeiten an realen Fällen, z.B. als Praktikant oder wissenschaftliche Hilfskraft in einer Anwaltskanzlei, werden juristische Sachverhalte und Probleme lebendig und praxisnah erlebbar.
Auf Dein Jurastudium bezogen bedeutet dies, dass Du nicht theoretisch, sondern praxisnah lernen solltest. Das heißt, dass Du das erlernte Wissen stets in Übungsfällen anwenden und festigen solltest. Wenn Du viele Übungsklausuren geschrieben hast, dann bekommst Du irgendwann den Dreh raus und schärfst Dein Verständnis, wie auch unbekannte Fälle mit dem juristischen Handwerkskoffer lösbar werden.
Judiz ist letztlich eine erlernbare Fähigkeit. Es ist kein angeborenes Talent, sondern ein Ergebnis von Erfahrung und kontinuierlichem praktischem Lernen.
VII. Zusammenfassung: Die Tools des juristischen Werkzeugkastens
|
Tool im Werkzeugkoffer |
Erklärung |
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Gutachtenstil |
4-Schritt-Methode: Obersatz, Definition, Subsumtion, Ergebnis. |
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Mischung Gutachten-/Urteilsstil |
Gutachtenstil für Problemstellen, Urteilsstil für unproblematische Punkte. |
|
Juristische Auslegungsmethoden |
Wortlaut, systematische, teleologische und historische Auslegung. |
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Systematisches Verständnis |
Taktisches Herangehen an Fälle. Kein reines Auswendiglernen, sondern praktisches Arbeiten mit Fallbeispielen zur Entwicklung eines soliden juristischen Urteilsvermögens. |
|
Arbeiten mit dem Gesetz |
Gesetzesbezug in jeder Klausur, kein theoretischer Aufsatz ohne konkrete Normen. Ein „Vorschriftenfriedhof“ muss erkennbar sein. |
|
Judiz |
Juristisches Urteilsvermögen, das durch Erfahrung und kontinuierliche Praxis entwickelt wird. Entscheidend für die sachgerechte Bewertung von Fällen. |
Neben dem juristischen Werkzeugkasten sind natürlich auch noch andere Aspekte wichtig für ein gelungenes Jurastudium. Um die schiere Menge an Lernstoff in der Rechtswissenschaft besser und vor allem stressfreier zu bewältigen, solltest Du von Anfang Deines Studiums an einen Lernplan erstellen.
Auch die richtigen Lernmethoden (z.B. Pomodoro-Technik oder die Feynman-Methode) können Dir das Lernen der großen Stoffmenge erheblich erleichtern. Und schließlich solltest Du persönliche „Baustellen“ wie Prüfungsangst oder Prokrastination rechtzeitig, am besten schon im Grundstudium und nicht erst in der Examensvorbereitung, angehen.
Wenn Du Hilfe benötigst, melde Dich sehr gerne bei uns! Unsere erfahrenen Dozenten stehen Dir während Deiner gesamten juristischen Ausbildung vom 1. Semester bis 2. Staatsexamen mit Rat und Tat zur Seite. Lerne uns gerne im Rahmen eines kostenlosen Crashkurses kennen oder buche jetzt direkt (online und zeitlich flexibel) Deinen kostenlosen Beratungstermin.
Dr. Robert König
Mitgeschäftsführer Jura Essentials Verlag
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